Alles Erwerbsarbeit oder was?

Würden wir mit einem Grundeinkommen weniger arbeiten oder könnten wir endlich arbeiten, was wir für sinnvoll halten, weil wir weniger Zeit dafür aufwenden müssten, Geld zu verdienen?

Wenn es um das Bedingungslose Grundeinkommen geht, wird oft gefragt, wie das dann mit der Arbeit ist. Dazu gibt es mehreres zu sagen und ich möchte an dieser Stelle zwei verschiedene Perspektiven unterscheiden. Zum ersten möchte ich auf das Argument eingehen, dass Arbeit ja wichtig sei und man niemanden mit einem Grundeinkommen als Stilllegungsprämie abspeisen sollte. Im zweiten Schritt geht es um die Perspektive jener, welche sich Sorgen machen, ob die gesellschaftlich notwendigen Aufgaben dann noch erledigt werden.

„Wollen wir uns von Arbeit befreien?“

Wenn es darum geht, sich von unbeliebter Arbeit jeglicher Couleur zu befreien, dann war die Menschheit schon immer sehr erfinderisch. Das fängt mit der Nutzung von Feuer, der Erfindung des Rades und ähnlichem an und nimmt einen zunehmenden exponentiellen Verlauf seit der Industrialisierung. Der alte Menschheitstraum der mühelosen Erfüllung aller Bedürfnisse kommt immer näher. Das ist etwas Großartiges. Mit der Digitalisierung und Automatisierung bekommen wir Menschen Möglichkeiten der Delegation von Arbeit an die Hand, von denen vor einigen Generationen noch niemand zu träumen wagte. Selbst komplexe und intellektuell anspruchsvolle Aufgaben können inzwischen von künstlicher Intelligenz übernommen werden, teilweise sogar besser als vorher von den menschlichen Experten.

Die Sorge, die mit diesem Fortschritt einhergeht, ist vielfältig, wie zum Beispiel die ethische Diskussion um Entscheidungen bei selbstfahrenden Autos zeigt. Ich möchte an dieser Stelle nur auf den Punkt eingehen, dass durch diese Entwicklung Erwerbsarbeitsplätze verloren gehen. Der ein oder andere wird seiner bisherigen Aufgabe nachtrauern. Es wird Veränderungen in der Arbeitswelt geben und Veränderungen sind eben nicht jedermanns Sache. Insbesondere dann nicht, wenn man noch in dem Glauben daran groß geworden ist, einen Beruf für das ganze Leben zu erlernen.

Ob das ein Grund ist, den Fortschritt aufzuhalten, damit wir mehr Zeit haben uns daran zu gewöhnen, vielleicht sogar die Hoffnung zu schüren, dass der Kelch noch an einem vorüber zieht (manche rechnen schon, ob ihre Aufgabe noch bis zur eigenen Rente reicht) und ob es überhaupt möglich ist, diese Entwicklung aufzuhalten, sind Fragen die man sich stellen kann. Ich möchte darauf zwei Antworten geben. Zum einen sind der Fortschritt, die Weiterentwicklung oder auch Evolution etwas dem Lebendigen Innewohnendes, wir können es nicht stoppen, genauso wenig wie wir die Zeit anhalten können. Was wir vielleicht können, ist die Geschwindigkeit und die Richtung beeinflussen. Und deswegen stelle ich die Frage: Wollen wir uns von Arbeit befreien (soweit dies möglich ist)?  Ich sage ja.

Zum anderen müsste man sich schon ziemlich einig sein, um die Digitalisierung noch bremsen. In der Vergangenheit hat sich immer wieder gezeigt, dass sich Entwicklungen nicht aufhalten ließen, allenfalls verzögern. Teilweise kamen Ideen, deren Zeit gekommen war, sogar gleichzeitig und unabhängig von einander in verschiedenen Teilen der Welt auf. Manche Forscher rechtfertigen moralisch und ethisch fragwürdige Versuche damit. „Wenn ich es nicht mache, dann macht es jemand anderes“. Das kann man verurteilen, faktisch ist da aber etwas dran.

Was wir nun aber gestalten können, ist, wie wir mit den Entwicklungen umgehen. Passen wir uns an und schaffen gesellschaftliche Bedingungen so, dass sich der Lauf der Dinge zum allgemeinen Vorteil entwickelt, oder trauern wir einer idealisierten Vergangenheit hinterher und verpassen damit diese Chance?

Ich stimme denjenigen zu, die die Auffassung vertreten, dass Arbeit etwas Wichtiges ist. Ich halte Arbeit für etwas Identität stiftendes, dem Leben Sinn gebendes und es ist eine wunderbare Möglichkeit, soziale Integration und Anerkennung zu erfahren. Auf all das möchte ich nicht verzichten und sollte auch sonst niemand verzichten müssen. Wichtig bei diesem Punkt ist mir allerdings, dass Arbeit all diese Funktionen auch dann erfüllt, wenn sie nicht oder nur gering bezahlt wird. Wenn wir also über die Veränderungen der Arbeitswelt sprechen, müssen wir diese beiden Punkte unterscheiden.

Uns geht durch den Fortschritt und die Digitalisierung die Erwerbsarbeit aus, Arbeit an sich wird es immer genug geben.

Die Sicherung der wirtschaftlichen Existenz, welche ein Zweck der Erwerbsarbeit ist, können wir durch ein Grundeinkommen herstellen. Die Suche nach einer Arbeit mit allen anderen ihr innewohnenden Faktoren stellt sich trotzdem. Da die Lebenserfahrung genauso wie die psychologische Forschung zeigt, dass Arbeit insbesondere dann gut gemacht wird, wenn sie freiwillig erfolgt, sollte dies dabei nicht vergessen werden. Die intrinsische Motivation ist der Schlüssel zur echten Leistung. Und auf diese Form der Leistung kann keine Gesellschaft der Welt verzichten, eine hochentwickelte wie die Deutsche schon mal gar nicht. Motivation kann klassisch erfolgen, über Geldleistungen (Löhne, Gewinne, etc.) oder auch auf anderem Wege (Sinn, Anerkennung, soziale Integration, Gestaltungswillen, Spaß an der Tätigkeit und vieles mehr).

Was durchaus sein kann, ist das einige Hilfe dabei benötigen, eine neue Aufgabe/Arbeit in ihrem Leben zu finden. Auch das sollten wir im Zusammenhang mit einem Grundeinkommen im Blick habe. Wichtig ist mir dabei, dass jegliche Unterstützung auf freiwilliger Basis abläuft. Ganz im Gegensatz zu den aktuell bekannten Zwangs-Maßnahmen der Jobcenter.

„Und wer macht die Arbeit die trotzdem noch gemacht werden muss?“

Nun zu der anderen Frage, wer macht dann die noch verbliebene Arbeit?

Sollte es Tätigkeiten geben, die erstmal keiner machen möchte, dann kann man sich fragen, warum das so ist. Warum gibt es zu wenig Motivation für diese Aufgaben und wie könnte man diese erhöhen? Natürlich kann man das Problem auch lösen, indem man Roboter die Aufgabe erledigen lässt. Aber nicht in allen Bereichen ist das gewünscht. Zum Beispiel in der direkten menschlichen Fürsorge. Dort ist aber Sinnstiftung und Anerkennung besonders hoch, was man zum Beispiel daran erkennen kann, dass die Mehrzahl der ambulanten Pflegekräfte dauerhaft unbezahlte Überstunden leistet. Aus Menschlichkeit und eigenem moralischen Anspruch. Auch Mütter von Säuglingen fragen nicht nach dem Stundenlohn, wenn nachts das Baby weint. Andere Aufgaben hingegen würde man nur für Geld machen. Und die müssten dann eben besonders hoch entlohnt werden, falls sie sich nicht automatisieren lassen.

Die Frage danach, wer dann die „Drecksarbeit“ macht, wirft allerdings noch einen anderen Aspekt auf. Und das ist die Frage der Ausbeutung. Im Moment, in dem durch die Agenda 2010 geschaffenen Erwerbsarbeitsmilieu in Deutschland, leben wir in einem Ausbeutungssystem. Es gibt nicht unerheblich viele Menschen, die zum Arbeiten gezwungen werden. Der Zwang wird über die Sanktionen vom Jobcenter direkt auf die Betroffenen ausgeübt und durch das Wissen um diese Drangsalierungen auch als Angst in die anderen Bereiche der Gesellschaft indirekt weiter gegeben. Von einer intrinsischen Motivation kann man da also nicht mehr sprechen. Das wirkt sich sowohl auf die Qualität dieser Arbeit aus, als auch nachhaltig negativ auf die Gesundheit der Betroffenen und das soziale Klima untereinander.

Ein Bedingungsloses Grundeinkommen würde dieser Ausbeutung die Grundlage entziehen. Genau darüber sollten wir eigentlich sprechen. Wollen wir weiterhin, dass in unserem Land menschliche Arbeit ausgebeutet wird? Aus moralischer und humanistischer Perspektive kann man diese Frage nur mit Nein beantworten. Und dennoch gibt es einige, die vielleicht sagen, Ausbeutung finde ich gut, zumindest solange ich auf der richtigen Seite davon stehe. Ich würde mir da Ehrlichkeit wünschen, auch wenn es vielleicht naiv ist.

In einer kürzlich durchgeführten Umfrage, waren 52% der Deutschen für ein Bedingungsloses Grundeinkommen. Mich würde interessieren, was die anderen 48% sagen würden, wenn man sie fragen würde, ob sie wollen, dass in Deutschland weiterhin Menschen durch Arbeit ausgebeutet werden…

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