Grundeinkommen – pädagogisch oder freiheitlich

Beim Grundeinkommen gibt es eine Gruppe von Vertretern, die mit ihrer Vorstellung vom Bedingungslosen Grundeinkommen einen “anderen Menschen” verbinden. Entweder haben sie die Annahme, dass durch das Grundeinkommen der Mensch ein anderer besserer würde, oder sie sind der Meinung, der Mensch müsse erst noch lernen und wenn er dann ein besserer sei als heute, dann sei er irgendwann reif fürs BGE. Dafür werden Begriffe verwendet wie die Grundeinkommens-Kultur, Vertrauen, usw. Es wird von einem idealisierten Menschen ausgegangen, der sich entweder fürs Grundeinkommen erst entwickeln muss oder sich durch das Grundeinkommen weiter entwickeln soll. Eine bestechende Vorstellung, dass dann alle Menschen plötzlich so sind, wie man sie gerne hätte. Ähm, und wie hätte man die Menschen gerne? Darüber kann man dann vortrefflich streiten. Und wer Entwicklung fordert, wie ist dann das mit der Bedingungslosigkeit eigentlich gemeint?

Man kann allerdings auch das Grundeinkommen als eine Maßnahme betrachten, die für alle Menschen ist, einfach so, ganz egal wie sie sind. Einfach nur, weil sie Menschen sind. Punkt. Auch für die, die wir nicht mögen, oder die, die andere Ideale und Weltbilder haben, auch für die, die sich so verhalten wie wir selbst, es vielleicht besonders doof finden. Ein Grundeinkommen, das sich an den Menschen so anpasst, wie er ist, und nicht den Menschen erst noch passend zum Grundeinkommen hin erziehen muss.

Wer mit dem Grundeinkommen Erziehungsmaßnahmen verbindet, der möchte keine Freiheit geben, sondern die Existenz auch weiterhin an Bedingungen knüpfen. Dann vielleicht nicht mehr an die Arbeitsbereitschaft oder das pünktliche Erscheinen im Jobcenter, sondern an ein bestimmtes ökologisches oder ethisches Verhalten. Der möchte vielleicht genau vorgeben, was von dem Grundeinkommen alles gekauft werden darf und was auch nicht. Eine Einengung von Lebensrealitäten auf ein bestimmtes Ideal.

Ich bin der Meinung, dass die Menschen nicht so sein müssen, wie ich es gerne hätte. Sie dürfen so sein, wie sie selbst sein wollen, ihren eigenen Idealen und Werten folgend, ihre eigenen Lebensvorstellungen umsetzend. Damit das möglich wird und nicht mehr von Staat oder Wirtschaft bestimmtes Wohlverhalten eingefordert werden kann, soll die Existenz- und Teilhabesicherung durch ein möglichst neutrales Medium erfolgen. Am besten eignet sich dazu Geld in der allgemein üblichen Währung, also hier zum Beispiel Euro, denn dann kann jeder selbst entscheiden was er damit macht. Das ist ein grundsätzlich liberaler, also freiheitlicher Ansatz, einer, der auch aushält, dass andere mit ihrem Leben etwas machen werden, das mir zuwider läuft.

Dies ist kein Plädoyer für Anarchie im Sinne des Recht des Stärkeren. Regeln des Zusammenlebens und des Umgangs mit der Umwelt können sehr sinnvoll und erforderlich sein. Und für bestimmte Verstöße sind im Strafgesetzbuch auch Einschränkungen der Freiheit des Einzelnen vorgesehen. Die Existenzsicherung allerdings an Wohlverhalten zu knüpfen ginge weiter darüber hinaus und schränkt die Rechte und die Freiheit der Menschen unangemessen ein.

6 Gedanken zu „Grundeinkommen – pädagogisch oder freiheitlich“

  1. Denke auch, dass nicht ein BGE an sich als pädagogische Erziehungsmaßnahme den wie auch immer gedachten ‘besseren Menschen’ hervorbringt, allerdings mit dazu beitragen kann
    gesellschaftliche, wirtschaftliche Strukturen im Sinne des Wohles aller zu verbessern.

  2. Liebe Baukje, was verstehst du eigentlich unter Anarchie? Scherz beiseite, ein Grundeinkommen nimmt den Menschen so wie er ist und gibt ihm mehr Freiheit, nämlich die 4 Punkt die ein bGE beschreiben

    1. Lieber Ulrich,
      also Anarchie ist ein eigenes großes Thema.

      Beim Grundeinkommen sehe ich das wie du, es nimmt den Menschen wie er ist und gibt Freiheit in dem es die Existenz absichert.

      Zu diesem Artikel wurde ich motiviert durch ein Gespräch bei dem das Grundeinkommen zwar die Existenz absichern sollte, aber, indem es in einer alternativen Währung ausgezahlt werden würde, von extern genau festgelegt wäre, was zur Existenz nötig wäre. Das kommt dann in die Nähe von Lebensmittelmarken, zugeteiltem Wohnraum und institutionell verordneten Waren und Dienstleistungen die man in Anspruch nehmen dürfe. So ein Grundeinkommen entspräche zwar formal noch den 4 Kriterien, ermöglicht aber keine Freiheit mehr. Denn dann entscheidet der Staat, oder irgendein Expertengremium, was man zum Leben braucht, und nicht jeder selbst.

  3. Hallo, Svenja!
    Ich habe den Artikel schon vor Tagen gelesen: ja, eine spitzfindige Idee, mit der Einführung eines BGE hinzuwarten, bis sich der “Homo Sapiens Grundeinkommensis” (‘HSG’) genetisch fertig entwickelt hat. Könnte ja die Falschen erwischen, so ein BGE…
    Schade, dass noch niemand zu merken bereit ist, dass besagte Genom-Entwicklung sich adhoc einstellen würde, führte man das BGE einfach ein, und zwar konsequent – denn nicht der entwickelte HSG ist Voraussetzung für die BGE-Einführung, sondern genau umgekehrt! Weil aber eben dies den Entscheidern gewärtig ist, sträuben sie sich mit allen verfügbaren Gliedmaßen und Vorwänden heftig dagegen: BGE jetzt käme einem Polsprung gleich – alles, was bisher Nord ist, wäre plötzlich SÜD: der ArbeitGEBER müsste seine Jobs verkaufen, statt der ArbeitNEHMER seine Arbeitskraft. Ehrenamt hätte plötzlich einen Wert jenseits des preiswerten Schulterklopfens, und 100.000 Erwerbstätige in JobCentern und zuarbeitender Qualifizierungsindustrie müssten sich ein neues Aufgabengebiet suchen…unheimlich, geradezu.
    Wir können mit derlei proaktiven Umschwüngen sowieso nicht recht umgehen: wir flogen zwar vor beinahe 50 Jahren erstmalig zum Mond. Aber Klopapier reisst immer noch nicht zuverlässig an den vorgesehenen Perforationen. Das sollte uns zu denken geben: muss sich Klopapier erst genetisch weiterentwickeln? (twinkle)

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