Arbeit ist unbezahlbar

Foto: Marco Verch via flickr

„Arbeit ist unbezahlbar, man kann sie nur ermöglichen“ – so oder so ähnlich äußern sich manche BGE-Befürworter, wie auch der dm-Gründer Götz Werner, wenn es um die Bezahlung von Arbeit beim Bedingungslosen Grundeinkommen geht. Ich möchte an dieser Stelle mal erläutern, was damit eigentlich gemeint sein könnte.

An dieser Stelle muss man nicht näher auf den Arbeitsbegriff eingehen, denn die Ermöglichung von Arbeit gilt für alle Formen von Arbeit. Erwerbsarbeit wird durch den Arbeitgeber oder Auftraggeber ermöglicht, Ehrenamt und Familienarbeit wird indirekt ermöglicht, durch eigene Erwerbsarbeit zu einem anderen Zeitpunkt oder per familiärer Transferleistung durch die Einkommen anderer.

Zur Ermöglichung von Arbeit gehören bei klassischer Erwerbsarbeit die Bereitstellung einer Betriebsstätte, von Arbeitsmitteln und auch die Vermittlung von Aufgaben. Da gibt der Arbeitgeber die Arbeit weiter an den Arbeitnehmer, welcher anschließend die erledigte Arbeit (Produktion) oder den Gewinn (Dienstleistung) an den Arbeitgeber zurückgibt. Aber dazu gehört auch, dass weitere Voraussetzungen geschaffen sein müssen, damit der Arbeitnehmer die Arbeit erledigen kann. Zum Beispiel, dass derjenige seinen Arbeitsplatz analog oder digital erreichen können muss. Und auch seine Lebenszeit und geistige und/oder körperliche Ressourcen muss derjenige zur Verfügung stellen können und dafür finanziell entschädigt werden. In der Zeit, in der jemand einer Erwerbsarbeit nachgeht, kann er sich nicht selbst versorgen, keine Nahrung anbauen, kein Haus bauen, seinen Haushalt nicht führen, seine Kinder nicht versorgen. Dafür muss der Arbeitnehmer entschädigt werden, üblicherweise mit Geld, manchmal auch mit zusätzlichen Sachleistungen. Erst dann wenn er sich Nahrung, Wohnung, Kleidung, Kinderbetreuung, Haushaltsgeräte und alles weitere, was er zum Leben braucht, leisten kann, hat ein Arbeitnehmer die Möglichkeit, einer Erwerbsarbeit nachzugehen und die Arbeit des Arbeitgebers zu erledigen.

Wenn man mal versucht hat, Menschen ehrenamtlich arbeiten zu lassen, wird einem das sehr schnell bewusst. Für die Arbeit werden Material und ggf. ein geeigneter Raum gebraucht, in einer Grundeinkommensinitiative sind das vielleicht Flyer, eine Bodenzeitung oder ein Versammlungsraum. Beim Fußballverein sind das ein Rasenplatz und Bälle, bei der Feuerwehr sind es Löschfahrzeuge usw. Außerdem müssen die ehrenamtlich Tätigen ihre Arbeitsstätte erreichen können (Fahrtkostenerstattungen) und die Zeit dafür haben. Unentgeltliche Arbeit wird durch andere Einkommen ermöglicht, durch eigene Erwerbsarbeit oder durch Transferleistungen, familiär oder auch staatlich.

Und wenn man sich nun anschaut, dass 66 Milliarden Stunden Erwerbsarbeit 89 Milliarden unentgeltlicher Arbeit gegenüberstehen*, dann wird sehr schnell klar, dass Arbeit in all ihren Ausprägungen und Formen nicht bezahlt werden kann. Ein Teil der Arbeit erzeugt ein Einkommen, welches wiederum die anderen Formen der Arbeit ermöglicht. Hinzu kommen Einkommen aus Vermögen, die selbstverständlich auch Arbeit ermöglichen.

Manche Erwerbsarbeit ist so aufwändig, dass dafür nicht nur die Lebenszeit des Arbeitnehmers entschädigt werden muss, sondern auch noch aller derjenigen, die dem Arbeitenden den Rücken frei halten. Das Gehalt eines Arztes finanziert nicht nur das Leben des Arztes, sondern nachträglich auch sein Studium und auch die Ehefrau oder Haushälterin, Kinderbetreuung, Handwerker usw., für all das, was er nicht mehr selbst machen kann.

Auch bei mir selbst ermöglicht mir die Tätigkeit als Psychotherapeutin erst all die andere Arbeit – die für meine Kinder, Garten und Haushalt und auch für das Grundeinkommen.

Ab einer bestimmten Höhe geht der Lohn aber weit über die Ermöglichung der Arbeit hinaus, da kann es eine Form der zusätzlichen Wertschätzung sein oder auch Entschädigung ähnlich dem Schmerzensgeld. Bei Staatsdienern kommt noch der Versuch der Vermeidung von Korruption hinzu durch finanzielle Unabhängigkeit, was leider nicht immer gelingt.

Arbeitsteilung ist dem Fortschritt geschuldet und ermöglicht den Wohlstand, in dem wir leben. Eine weitere Ökonomisierung, also die Umwandlung von unbezahlter Arbeit in bezahlte Arbeit führt nicht mehr zu einer weiteren Verbesserung von Wohlstand und Lebenszufriedenheit. Sobald ich mein Essen nicht mehr selbst koche und stattdessen auswärts esse, steigt zwar das Wirtschaftswachstum, aber gleichzeitig auch die Entfremdung vom eigenen Leben. Und man wird auf der anderen Seite gezwungen, für das Mittagessen auch wieder mehr Erwerbsarbeit nachzugehen. Es entsteht eine gefährliche Dynamik, basierend auf Existenzangst, Ökonomisierung und Steigerungszwang.

Ein Bedingungsloses Grundeinkommen würde Arbeit ermöglichen. Und durch die individuelle Existenzsicherung auch jedem die Freiheit ermöglichen, selbst zu entscheiden, welcher Arbeit er nachgehen möchte. Für manche Aufgaben wird auch weiterhin darüber hinaus ein Schmerzensgeld erforderlich sein, Loyalität kann auch mit Grundeinkommen noch etwas kosten und auch Wertschätzung kann noch finanziell übermittelt werden. Andere Faktoren wie Spaß, Sinnerfüllung und die offensichtliche Notwendigkeit einer Arbeit können dann aber ebenso wichtig sein.

  • Quelle: https://www.destatis.de/DE/UeberUns/Veranstaltungen/VeranstaltungenArchiv/Zeitverwendung2016/EntwicklungUnbezahlteArbeitPraes.pdf?__blob=publicationFile

4 Gedanken zu „Arbeit ist unbezahlbar“

  1. Alles gut und schön, aber die zunehmende theoretisierende Auseinandersetzung mit Begrifflichkeiten führt eher weg von der Umsetzung in die Praxis. Wenn Disskusionen dann lieber wie man die Einführung erreicht. Diese Art der Befassung mit dem BGE empfinde ich als kontraproduktiv.

    1. Dabei geht es um unterschiedliche Zielgruppen. Wer sich erst neu mit dem BGE befasst, möchte verstehen, was mit bestimmten Aussagen gemeint ist. Vor allem solche, die sich nicht jedem von selbst erschließen und die zum Umdenken anregen sollen. BGE-Befürworter hingegen interessieren sich für andere Aspekte, wie die konkrete Gestaltung und das Erreichen der Umsetzung. Auch darüber mache ich mir Gedanken und teile diese im Blog mit. Es ist dabei normal, dass nicht allen alles gefällt und auch nicht alle mit meiner Meinung oder Herangehensweise übereinstimmen. Trotzdem würde es mich interessieren, was du daran genau als kontraproduktiv, also vom Ziel wegführend, erlebst.

      1. Hallo Baukje ich liebe Deine Blogs. Mach weiter so !!! Letztendlich werden auch die letzten und Langsamen den Paradigmenwechsel kapieren..
        Danke!!!

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